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Schreiben ist … Fantasie?

  • Autorenbild: margritreckroulet
    margritreckroulet
  • 11. Apr.
  • 2 Min. Lesezeit


Vor mir auf dem Schreibtisch steht diese kleine Figur, der kleine Bär im Stein. Mit etwas Fantasie sehe ich mehr: gleitet er einen Eisberg hinunter oder zieht er sich aus eiskaltem Wasser an Land? Doch: wie ist das Bärchen in den Stein oder der Stein zu einem Bärchen gekommen?



Auf dem Heimweg von meiner Sonntagsmorgen-Runde (mehr als ein Spaziergang und weniger als joggen) einen gewöhnlichen Stein am Straßenrand zu fotografieren, ist mir erst gar nicht in den Sinn gekommen. Allein weiß zu sein, hat einen Unterschied zu all den anderen, neben ihm liegenden, ausgemacht. Doch er hat gestrahlt, hat sich mir zu erkennen gegeben. Trotzdem habe ich ihn erst ignoriert, bin schon zwei Schritte weitergewesen als ich doch gestoppt habe und umgekehrt bin. Ich habe ihn aufgelesen, mitnehmen müssen. Mein Mann hat mich ein wenig verständnislos angeschaut, als ich ihm meinen Fund gezeigt habe.

Am ersten Tag, den er auf meinem Schreibtisch verbracht hat, hat mich lediglich der Unterschied zwischen der erdigen, grau-bräunlichen Schiefersteinschicht und der weißen Farbe des kristallinen Steins fasziniert, als ob das Weiße sich daran festhält.

Am zweiten Tag habe ich ihn, den kleinen Bären zum ersten Mal eindeutig erkannt: die Augen und die Nase, eine kleine, feine, glatte Nase. Erst am dritten oder vierten habe ich mit dem spitzen schwarzen Filzstift die beiden Augen, die Öhrchen und die Nasenlöcher hervorgehoben. Die Tatzen haben sich folgerichtig dazugefügt.


Fantasie oder betonen von dem, was vorhanden ist? Dazu meine Geschichte vom Steingesicht...

Ich bin allein am Strand von Saint Hilaire-de-Riez (FR) spazieren gegangen. Kilometerweise flacher Sandstrand, Sonne und dank der Jahreszeit – Januar - wenig Leute. Wie die meisten, überdenke ich beim Gehen diese und jene Begebenheit, ordne, warte auf Antworten zu meinen Fragen. Laufen, bis sich die Gedankenwelt auflöst, Stille sich in mir ausdehnt, ich in der neutralen Gegenwart angekommen bin.

Schon eine gute Stunde unterwegs, bieten sich in gutes Stück weiter vorne ungeordnet herumliegende Felsbrocken zum Sitzen an, laden ein, sich auszuruhen, auf das Meer hinauszuschauen. Angekommen, setze ich mich wahllos auf einen und bestaune einmal mehr die Weite des Atlantiks, um dann den Blick der Nähe, dem Boden um mich herum, zuzuwenden.




Unglaublich: da schaut mich ein Gesicht an! Inmitten der tausenden den Strand bedeckenden Steinchen, Kiesel, Muscheln und Sand liegt das Steingesicht genauso wie auf dem Bild vor mir! Hätte ich eines gesucht, hätte ich keines gefunden. Berührt und aufgeregt, betrachte ich das vor mir liegende Gesicht, das im Gegenzug auch mich anschaut. Ich mache ein Foto, das Steingesicht lasse ich liegen, unberührt, unversehrt und unvergesslich, für ewig. Mit der nächsten Flut wird es weitergetragen, fortgespült, wo anders sein. Fantastisch, wie der Zufall spielt, wie die Natur ein Gesicht gestaltet, mein Blick auf das Kunstwerk fällt.


„Die Realität kann erstaunlicher sein als die Fantasie“. Der oder die Schöpferin des Zitats ist mir unbekannt, gewählt habe ich die Worte, weil auch ich oft denke, dass im Leben Dinge möglich sind, geschehen, die niemand hätte erdenken können.

Das Leben, die Natur ist kreativer als wir, hat mehr Fantasie als wir.

 
 
 

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