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Kumano Kodo – der japanische Pilgerweg

  • Autorenbild: margritreckroulet
    margritreckroulet
  • 22. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Reise-Wander-Blog - Tag 1



Wenn das Auge und die Seele sich nähren am Blau des Himmels, an den verschiedenen Nuancen von Grün der Blätter, Farne, Moose und Wiesen sowie der Farbenvielfalt der Blumen, bin ich glücklich.


Doch vorerst heisst es warten... stößt unser Flugzeug stößt zum dritten Mal zurück, in der Hoffnung, dass es diesmal klappt. Schon über drei Stunden Verspätung und wir müssen morgen unbedingt die erste Etappe des Kumano Kodo, eine 2-stündige Wanderung zu unserer ersten Übernachtung, schaffen.




Eins, zwei, drei, vier, fünf und so weiter. Vielleicht hilft das jetzt auch.

Beim Wandern  zähle ich meistens bis hundertacht, einen Schritt vor den anderen setzend. Vier-und-acht-zig entsprechen vier Schritten. Ich gehe also in Übereinstimmung mit den Silben. Weshalb bis hun-dert-und-acht? Wir sind 4 Schritte weiter… Weil ich einmal gelernt habe, dass 108 eine spirituelle Zahl ist. 1 sei die Einheit von allem, 0 die Formlosigkeit, die Non-Dualität und 8 symbolisiert die Unendlichkeit. Und seit ich auf Internet gefunden habe, dass Galileo Galilei sagte „Mathematik ist das Alphabet, mit dessen Hilfe Gott das Universum beschrieben hat“ bin ich versöhnt mit meinem sich repetierenden Zahlenreihen-Mantra. Bisher habe ich mich dafür jeweils ein wenig geschämt, niemandem davon erzählt. Wer sagt schon dauernd Zahlenreihen vor sich her? Offenbar ich, mein Meditationsmantra zum Laufen und Wandern.

Der Abflug hat diesmal geklappt, 13 Stunden bis Osaka. Wir können nicht zur geplanten Zeit starten, weil das Flugzeug zwar eine halbe Stunde eingeholt, aber doch 3 Stunden verspätet in Osaka gelandet ist. Grenzformalitäten zügig hinter uns gebracht, Koffer schon auf dem Band, als wir kommen, Zugtickets problemlos auf Englisch erhalten und zwanzig Minuten später fährt der Zug mit Umsteigen nach Kii-Tanabe bereits ab.


Statt auf den lokalen Bus zu warten, der uns zum Startort Takijiri  des Pilgerweges fährt, nehmen wir ein Taxi und gewinnen kostbare 30 Minuten


Statt auf den lokalen Bus zu warten, der uns zum Startort Takijiri  des Pilgerweges fährt, nehmen wir ein Taxi und gewinnen kostbare 30 Minuten.

Reisekleidung gegen Wanderhosen ausgetauscht, den Tagesrucksack auf den Rücken und los geht es. Die Crew am Start des Kumano Kodo drängt uns: die Dämmerung beginne in maximal eineinhalb bis zwei Stunden. Die Routenbeschreibung spricht von 2 Stunden bis zum ersten Etappenziel Takahara…


Die erste Stunde des ersten Tages des Kumano Kodo geht steil bergauf. Die Erde hält dank der Wurzeln an ihrem Platz, diese dienen gleichzeitig als Stufen. Das ergibt einen unregelmäßigen Gang, öfters Schrittlängen entgegen meinem Gehrhythmus, Stufenhöhen, die gestemmt werden wollen, doch wir müssen hoch. Nicht atemlos, aber schwitzend und ohne Pause marschieren wir hoch, begegnen keinem Menschen und keinem Tier. Mein Blick ist auf den Boden vor mir gesenkt, um sicher zu sein, dass ich nicht strauchle und vor allem, um zu verhindern, dass ich mir am ersten Tag den Fuß verstauche.


Zwei-und-vier-zig, drei-und-vier-zig, vier-und…Ich bin da! Ich gehe den Kumano Kodo, den japanischen Pilger-Wanderweg, von dem ich seit Jahren, Jahrzehnten, träume! Doch keine sinnlich spezielle Gefühlslage will sich einstellen. Ich könnte gerade so gut auf einem Weg entlang einer der Suonen im Wallis sein … ernüchternd und beruhigend. Ich fühle mich sicher und daheim, in dieser friedlich-stillen Welt, die meine Sinne weckt.  -zig, ein-und-sech-zig, zwei- …

Dort tanzt ein roter Flecken hinter feinen Ästen durch die Luft. Ein vergessen gegangener Fetzen Stoff oder der Rest eines Luftballons? Sie werden mehr, winken und lenken ab von der Steilheit des Weges.


Es sind Blüten und gehören zu einem hochstämmigen Rhododendronbaum. Ein deutliches Zeichen, dass wir in einer uns geographisch fremden Welt sind. Etwas weiter oben leuchtet bereits der Nächste, mehrere haben sich in diesem leicht waldigen Abschnitt behaupten können. Wie eine Wegmarkierung locken sie uns den Pfad hinauf. Sie lenken ab, lassen Jetlag und Müdigkeit vergessen. Grün, überall verschiedene helle Grün, die nur im Frühling existieren und an denen ich mich nicht satt sehen kann. Während fünf Tage werden sie mich in den verschiedensten Kombinationen begleiten.

Der Weg wird flacher, angenehm zu gehen. Ich vermute, dass wir die Höhe erreicht haben, die 490 Höhenmeter bereits geschafft sind. Hingegen lassen sich die Regentropfen nicht mehr ignorieren. Die Pelerine aus dem Rucksack zu klauben ist ein Muss, obwohl die Unterkunft nicht mehr weit entfernt sein kann. Dank unserer schnellen Laufzeit von 1Stunde 35Minuten, prasselt ein starker Regen nur während der letzten 10 Minuten unseres Weges ungehindert auf uns hinunter: wir haben die Dorfstraße erreicht und damit auch die schützenden Bäume hinter uns gelassen.


Das Dorf ist klein, in den Hang gebaut, trotzdem finden wir unser Ryokan, unser Gasthaus, nicht auf Anhieb. Eine ältere Frau ist zufällig unterwegs, ‚noch‘ würde ich am liebsten hinzufügen, denn sonst ist in diesem strömenden Regen  niemand draußen. Wir zeigen ihr unsere japanisch geschriebene Adresse. Sie spricht in ihr Handy, lässt Google Translater arbeiten und wir hören: ‚gerade aus gehen, dann, weiter vorne rechts  hinauf gehen‘. Ganz schlüssig ist die Erklärung schlussendlich nicht, aber wir finden unsere Absteige dank der Wander-App.

Die vorgegebene Essenszeit 18.30h lässt uns gerade noch genügend Zeit, um uns in den Onsen – ein von heißen Quellen gespiesenes Bad – zu setzen. Die Muskeln entspannen sich, der Hunger hingegen treibt uns mit nur fünf minutiger Verspätung in den Essraum. Den Futon werden wir später ausrollen.

Japanisches Essen, eine Augen- und Gaumenfreude, für jene, die es mögen. Wir haben seit dem Flugzeugsfrühstück nichts Substanzielles mehr gegessen. Appetizer inklusive Sashimi, dann ein Shabu-Shabu, wie der japanische Hotpot heißt, gefolgt von einer Auswahl gegrilltem Fleisch, um mit einer exzellenten Art Quarkkuchen als Dessert abzuschließen.


Die beiden Futon rollen wir vor den Fenstern aus, mit Aussicht sozusagen, die wir erst am morgigen Tag in ihrer vollen Pracht bestaunen werden.


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