Schreiben ist …. eine Entdeckungsreise
- margritreckroulet

- vor 1 Tag
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Jedes Mal, wenn ich mit Schreiben beginne, bin ich gespannt darauf, was ich schreiben werde. Zwischen dem, was ich als Idee, Bild, Vorstellung der nächsten Handlung habe und dem, was schlussendlich als Text auf dem Laptop gespeichert wird, geschieht vieles, besser entdecke ich vieles. Ich bemerke Unschärfen erst beim Schreiben. Beispielsweise, ein Wort das sich als unpassend, nicht präzise genug erweist oder ein Satzende, der nicht zum Satzanfang passt, obwohl nur wenig Zeit zwischen den beiden liegt. Beim Sprechen fallen sie weniger auf … außer: wer hat schon einmal ein Gespräch transkribiert? Auch bei geübten freisprechenden Rednerinnen und Rednern wimmelt es meist von halbfertigen Sätzen, abgebrochenen Gedanken. Oft ist man versucht auszurufen: dass das überhaupt jemand versteht! Bei einem Gespräch in einem Roman sind die Sätze ‚druckreif‘, fehlerfrei logisch aufgebaut, außer ich will einen Effekt erzielen. Einen Gesprächsverlauf kann ich x-Mal anpassen, entdecken, was am zutreffendsten die Gedanken ausdrückt, den ich aufs Blatt bringen, einer Romanperson in den Mund legen will.

Schreiben ist … eine Entdeckungsreise, genauso, wie ich vor Jahren (1994!) das erste Mal bei Heinrich van Kleist gelesen habe.
Er schreibt in „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ eine wundervolle Abhandlung, eher sogar eine Einladung, dass Gedanken nicht bereits fertig in unseren Köpfen existieren müssen, bevor sie geäußert werden, sondern entdeckt werden können. Damals habe ich in meiner Praxis Coaching angeboten, der Text von van Kleist hat, besser als all meine Versuche, in Worte gefasst, um was es mir bei Coaching geht, weshalb Coaching erfolgreich wirkt / wirken kann. Heinrich van Kleist beschreibt ein Reden zur allmählichen Verfertigung der Gedanken als ein sich selbst belehren. Indem man zu sprechen beginnt, unklar, verwirrend und doch weiterfährt, entdeckt man dabei seine eigenen Gedanken, lässt zu, dass sie sich nach und nach entwickeln und erreicht schlussendlich eine Erkenntnis, eine Klarheit, die man in sich selbst so nicht gefunden hätte.
Drei Dinge sprechen mich auch heute, weit weg vom einem Coaching Kontext, nach wie vor besonders an: Erstens, ich muss nicht zum vorneherein wissen, was ich genau sagen / schreiben will. Zweitens, das entwickelt sich und drittens, das ist nicht nur normal, sondern auch ein Geschenk.
Während dem Schreiben entdecke ich, was geschrieben werden will. Beim Roman ‚die Steinemacherin‘ ist mir von Anfang an lediglich der Titel klar gewesen. So würde das Buch heißen und als Thema geht es mir um die ‚schwierigen‘ Erlebnisse, die wir im Leben machen, die wir wie Steine mit uns herumtragen und die sehr persönlich sind. Was für mich ein schwieriges, belastendes Erlebnis ist, muss es nicht für jemand anderen sein. Ich habe mindestens fünf unterschiedliche Szenarien ausprobiert, Konzepte durchdacht, Prologe und erste Kapitel geschrieben. Doch jeweils nach ein paar Zeilen oder Seiten ist die Luft draußen gewesen, ging ‚es‘ nicht weiter. Erst mit der Zeit, haben sich allmählich die Gedanken entwickelt, wo und wie der Roman spielen wird. Von da an ist ‚es‘ gelaufen, hat sich das Geschehen, die Romanhandlung, entwickelt. Ich habe selbst entdeckt, um was es mir an sich gegangen ist, welche Geschichte ich erzählen will. Eine wahre Entdeckungsreise … Herr van Kleist: die Gedanken entwickeln sich allmählich beim Schreiben, wie beim Reden: herzlichen Dank!
Margrit Reck Roulet
PS1: Das Hörbuch von Heinrich von Kleist auf Youtube kann ich allen nur empfehlen: ein Lese- und Erkenntnisgenuss
PS2: Falls jemand gerne den Coaching Artikel aus dem Jahr 1995 lesen möchte: ich sende ihn gerne als pdf zu, über 'Kontakte'



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