Kumano Kodo – der japanische Pilgerweg Tag 3


Ich nenne den dritten Tag die ‚Kaiseretappe‘. Erstens weil sie in km die längste und anstrengendste ist (27,4 km und 1346 Höhenmeter), zweitens weil wir, wenn auch als Widerspruch zum gerade geschriebenen erscheinend, am meisten Wanderinnen und Wandern begegnen und drittens, weil sie zum Kumano Kodo zentralen Tempel Hongu führt.

Die Strecke
Nicht alle, denen wir unterwegs begegnen oder die wir überholen, sind wie wir um 6 Uhr aufgestanden und um 7 losgelaufen. Bereits in Takahara gehen wir an all jenen vorbei, die auf den frühmorgendlichen Bus warten, der die Strecke wesentlich, auf 7km oder so, verkürzt. Nicht nur die Weglänge scheint sie dazu zu bewegen, sondern auch die Wegbeschreibung: der Anfangsteil und die Schlusstrecke sind auf einer asphaltierten Straßen, die kaum befahren wird. Vielleicht am ehesten vom Bus, der seine Fahrgäste an den Wanderweg fährt 😊 Wir kreuzen kein einziges Auto.
Die ersten Kilometer nach Takahara führen durch kleine Orten, zutreffender wohl Weiler genannt. Die Häuser sind von gepflegten, blühenden Gärten umgeben. Dazwischen, an uns unwahrscheinlich erscheinenden Orten wie einer Wegkreuzung oder einer x-beliebigen Hausmauer, treffen wir immer wieder auf Getränkeautomaten. Die Standorte entsprechen nicht unserer Logik, die sie an Orten wie Bahnhöfen oder Tankstellen anzutreffen erwartet. Die Automaten sehen weder verwahrlost noch kaputt aus, doch erst einmal interessieren sie uns nicht weiter. Der Weg steigt den Kurven folgend stetig. Angenehm und kaum bemerkbar machen wir einen Teil (+/- 500) der beeindrucken Höhenmeter.
Ein erster Halte-Höhepunkt ist eine Schrein-Anlage bei tausendjährigen Bäumen, die zu dick sind, um von uns umarmt zu werden. Die Warteschlange vor dem Stempelkissenschrein ist lang, der Aufstieg zu den Bäumen steil und wenig begangen.

Als wir schlussendlich abbiegen von der Straße, auf das, was wir einen Wanderweg nennen, führt er uns sogleich abwärts. Die Haltestelle des Busses muss in der Nähe sein, denn ab hier sind viele Wanderkleingruppen unterwegs. Auf gut und einfach begehbaren Steinen überqueren wir ein schmales Gewässer, um gleich wieder steil hochgeführt zu werden.

Ent-lang einer baum-losen Berg-flanke gelangen wir auf einen Sattel, von dem es gleich wieder sanft in bewaldetem Gebiet hinuntergeht.
Vom folgenden Wanderstück bleibt mir in Erinnerung, wie wir beschattet, unterschiedliche grün bestaunend, einem Flusslauf in einem licht bewaldeten Tal gefolgt sind; beruhigend, entspannend, äußerst friedlich und freundlich.
Anschließend an das eigentliche Tal, in offenerem Gelände aber immer noch nahe des Flüsschens, wird es Zeit, einen schattigen Platz für das Mittagessen zu finden. Das Bord des Weges bietet sich an, eine bequeme Lösung, da die wenigen vorhandenen Bänke besetzt sind.

Gestärkt steigt der Weg kurz nach unserer Rast erneut kurz steil an, um auf eine erneut asphaltierte Straße zu führen: bereits haben wir den Schlussteil der Strecke erreicht. Wir treffen auf etliche, die uns während der Essenspause überholt haben: eine erste Bushaltestelle ist in nächster Nähe. Selbstverständlich wandern wir trotz mittlerweile beträchtlicher Hitze weiter. Die Landschaft hat sich geändert:
Teeplantagen rechts und links der schmalen, unbefahrenen Straße. Auf dem erweiterten Zugang zu einem der Häuser liegen bereits gepflückte Teeblätter zum Trocknen am Boden. Einige Wegbiegungen weiter, hängen sie noch an den Pflanzen, warten darauf, gepflückt zu werden.
Wieder begegnen wir den Getränkeautomaten, die zum Glück funktionieren!

Eine kühle Cola lindert unseren Durst. Welch eine Überraschung, als wir zu einem überdeckten Rastplatz kommen: kein Platz sich hinzusetzen. Eine weitere Busstation liegt nahe, etwas oberhalb, an der Landstraße!

Der letzte Abschnitt des Weges führt ein weiteres Mal durch lichte Wälder, Weiler, wechselt von der Straße auf breite Wege durch Zedernwälder, abwechselnd ein wenig hoch und sanft wieder absteigend, bis zum Abstieg nach Hongu, der in den Knie eindeutig spürbar ist: die Höhenmeter sind doch nicht erfunden! 😊
Die Wanderinnen und Wanderer
Wie eingangs erwähnt, weder vorher noch an einem späteren Tag unserer Wanderungen sind wir abschnittsweise derart vielen Kumano Kodo Wanderinnen begegnet!
Eine Anzahl haben wir wie erwähnt morgens gesehen, doch bereits in Takahara hinter uns gelassen: all jene, die morgen kurz nach sieben auf den bereits gut gefüllten Bus gewartet haben. Nur ein paar wenige haben wir mehrmals gekreuzt. Je nach Foto-Halt, Kartenlesen, Trinkpausen oder ihren Stempel-Stopps haben wir einander immer wieder ein- und überholt.

Der Stempelstopp: vor allem für die asiatischen WanderInnen sind die Stempel wichtig. Sie tragen ein, manche auch zwei oder mehr, offizielle Kumano Kodo Pilgerweg Büchlein mit sich. Wir haben keines. Bei jedem Schrein sind Stempel in einem eigens dafür geschaffenen Kasten zugänglich: Stempel und mehrere Stempelkissen. Nach eigenem Test ist jeweils mindesten eines der Kissen in einem funktionierenden Zustand oder wird entsprechend befeuchtet. Die Stempel erinnern an den Jakobsweg nach Compostela, der europäische Zwilling des Kumano Kodo.
Für uns liegt der Vorteil der Stempelhalte darin, dass wir auf einfache, regelmäßige Art ein weiteres Grüppchen Glöckchen läutender Asiaten und Asiatinnen überholen können.
Phasenweise komme ich mir wie auf einer Walliser Alp vor: sanftes, doch penetrantes, Geläute verschiedenster Glocken. Bedeutung? Wieso und weshalb?

Japan ist aktuell mit einer steigenden Anzahl Bären von Menschen bewohnten Gebieten konfrontiert. Um sie zu verscheuchen oder sie vorzuwarnen, wird allseitig empfohlen, eine kleine Glocke an den Rucksack zu binden. Nicht geschrieben steht, dass ein Glöcklein pro Gruppe reichen würde. Also hören wir in einer Gruppe von beispielsweise 5, denen wir leider mehrmals begegnen, ununterbrochen 5 verschiedene Glockentöne, wie auf einer Weide, auf der jede Kuh durch ihre eigene Glocke erkennbar ist.
Vorbei die Stille der Landschaft, die Vögel schweigen und natürlich weit und breit keine Gefahr eines Bären.
Zum Glück kehrt nach dem überdeckten Rastplatz inmitten der Teeplantagen die Ruhe zurück. Unsere Wanderinnen und Wanderer nehmen den Bus bis Hongu.

Die wandernden Nationalitäten? Aus Asien: Singapore und China; von unseren Gastgebern in Takahara haben wir erfahren, dass dieses Jahr weniger Gäste aus Europa gekommen sind: der Krieg mit dem Iran verunsichert, verlängert die Flugrouten. Natürlich Wandernde aus Australien und Neuseeland, hingegen lediglich vereinzelte Japanerinnen und Japaner: ihre wenigen Ferientage setzen sie selten an einem Stück für den Kumano Kodo ein. Jene drei oder vier, die uns überholen, sind trainiert, sportlich und schnell unterwegs!
Der Tempel Hongu

Eine Tempelanlage wie Hongu zu beschreiben, scheint mir wenig angebracht, sie erlebt und betrachtet zu haben lässt mich mit wenig Worten, aber bleibenden Eindrücken, zurück. Hingegen die Treppe, die zum Tempel führt, beeindruckt nicht nur durch die Anzahl Stufen, sondern vor allem durch die optische Wirkung der Fahnen!

Als zentraler Ort des Kumano Kodo sind die wenigen Hotels in Hongu schnell ausgebucht. Für unsere Unterkunft in Yunomine nehmen auch wir den Bus, eine weitere Stunde zu Fuß entlang einer befahrenen Straße lockt definitiv nicht.




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