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Kumano Kodo – der japanische Pilgerweg Tag 2

Autorenbild: margritreckroulet
margritreckroulet
29. Juni
4 Min. Lesezeit

Augen auf und ein völlig verändertes Bild. Die Sonne scheint, die wenigen Wolken, die sich gestern noch an den Talhängen festgehalten haben, sind in den Himmel aufgestiegen und versprechen, dass sie sich noch ganz verziehen werden, der Tag sonnig wird.


Mit einem leichten Tagesrucksack, das Gepäck wird uns von Unterkunft zu Unterkunft transportiert, ziehen wir gegen halb neun los. Vom ‚ich‘ im Reiseblog 1 wechsle zu ‚wir‘, das sind meine Freundin und ich. Vielleicht hätten wir auch etwas länger geschlafen, aber der Abholdienst diktiert nicht nur die Frühstückszeiten, sondern auch den Abmarschbeginn.

Wir erwarten, dass der Boden vom gestrigen Regen noch durchtränkt und allfällige Wurzeln schlüpfrig sein werden: Vorsicht ist geboten. Dafür lässt uns die fast dämpfende Feuchtigkeit des Bodens alsbald ein erstes erstaunliches Tierchen entdecken. Da ist die kleine schwarze Eidechse, die nicht vor uns weglaufen kann. Für sie ist es noch nicht warm genug!


Der Weg führt alsbald in einen Zedernwald. Sie stehen senkrecht wie Streichhölzer, einer neben dem anderen. Dazu ein kleiner Ausflug in kulturelle Unterschiede. Als ich eben gerade als erstes „Zündhölzer“ statt Streichhölzer tippe,  unterstreicht mir die Schreibkorrektur das Wort rot. Falsch? Nein, nicht falsch, aber Schweizer Wortgebrauch. Google sagt mir, dass Zündhölzer auf Deutsch Streichhölzer sind…  😊



Die nächste Begegnung überrascht: orangene Krebse, die sich vor uns in Sicherheit zu bringen suchen. Krebse und Waldboden? Eine ungewohnte Kombination in unseren Breitengraden. Die Krebse bestätigen, dass der Boden nicht nur heute feucht ist und ein paar leider zertretene Tiere bezeugen, dass -erstaunlicherweise - nicht jede Wanderin sie gesehen hat.

Sonnenstrahlen fallen durch die lichten Bäume bis auf den federnden Grund. Unsere Aufmerksamkeit wird bald von den immer wieder auftauchenden kleinen Statuen am Wegrand angezogen. Münzen zeugen davon, dass sie mehr sind als reine Dekoration, dass sie ‚leben‘. Jemand hat ihrer gedacht, angehalten, vielleicht sogar ein Gebet gesprochen, eine Münze als Opfergabe hingelegt. Wie lange stehen sie schon? Was bedeuten sie, von wem und für wen? Keine Antworten, keine Schilder, die erklären. Auf eine Art beruhigend, dass das Verständnis sich nur denen eröffnet, die im Shinto profunde Kenntnisse haben. Keine Schnellbleiche für uns, die wir daran vorbeiwandern. Die Schönheit, die Ausstrahlung der Statue genügt uns beiden bei weitem.

Eine leichte, angenehme Wanderung, trotz den erwarteten Pfützen und dem einen oder anderen glitschigen Wurzelwerk, das mir wie heraustretende, sichtbar gewordene Adern einer Hand oder eines Armes, vorkommt. Zeugen eines Lebens im Waldboden, fällt mir dazu ein. Heute komme ich kaum zum Zählen, vielleicht einmal bis 99?* Sonne, Wind und Schatten wechseln sich ab, was uns regelmäßig Jacken an- und ausziehen lässt.

Nach 3 Viertel der Wanderung zieht der Wald sich zurück, gibt Platz an ein hellgrünes, zartes Blätterdach. Ahorn?Bevor wir mit Sicht auf Takahara, den heutigen Zielort, unseren mitgetragenen Lunch essen, zweigen wir auf das Hügelchen (hoch ist er nun wirklich nicht) gleich neben dem markierten Wanderweg ab. Eine idyllische Ansammlung von mehreren Statuen lädt zum Verweilen ein.

Bevor wir mit Sicht auf Takahara, den heutigen Zielort, unseren mitgetragenen Lunch essen, zweigen wir auf das Hügelchen (hoch ist er nun wirklich nicht) gleich neben dem markierten Wanderweg ab. Eine idyllische Ansammlung von mehreren Statuen lädt zum Verweilen ein.

Takahara
Takahara

Heute sind wir in einem Guesthouse, ‚by the habitant‘, untergebracht. Es ist erst knapp halb zwei, als wir eintreffen, früh genug, um einen Nachmittag lang Takahara zu entdecken.

Als Erstes wünschen wir uns ein kleines Restaurant, in dem wir in aller Ruhe einen Kaffee trinken können. Das wird nicht ganz so einfach werden. Wohl sind vier Orte auf der Karte angezeigt, vom Biergarten bis zum Museumscafé, doch haben aus unerklärlichen Gründen heute alle geschlossen. Nur der kleine Laden, von zwei älteren Frauen mit gebücktem Rücken geführt, ist offen. Eine sitzt an der Kasse, die andere auf einer Bank hinter den zwei Reihen von schmalen Regalen aus Holzbrettern, auf denen das Notwendigste für den Alltag und durstige Wanderer steht. Alle Produktepackungen sind nur auf Japanisch… Wir wählen nach den Ausschlussverfahren von ‚das sieht gesüßter, dunkler, heller ... aus‘ eine gekühlte Büchse Milchkaffee und, verführt durch das Bildchen, eine Packung Schokolade-Biskuit-Pilze. Die haben es uns angetan, wir werden sie unterwegs noch mehr als einmal  kaufen.

Der Rundgang im Ort beschränkt sich auf etwa 500m Hauptstraße, eine Abzweigung von weiteren 300m zum geschlossenen, verlassenen Museum, einem Tempel mit dem Kumano Kodo-Pilgerweg-Stempel (davon in einer nächsten Etappe ausführlicher) und der Brücke, die in den erweiterten Ort und zu unserem Guesthouse führt. Die Blütenpracht macht den Ort trotz seiner Menschenleere attraktiv.

Schlussendlich öffnet doch noch ein ‚Coffeehouse‘ (gute 30 Minuten später als auf der handgeschriebenen Tafel der Öffnungszeiten, wen störts?) und bald sitzen wir mit einem richtigen Espresso aus einer Kolbenmaschine (!) auf der Bank davor, genießen die Sonne. Die folgenden zwei Stunden vergehen schnell.

Das Guesthouse hat keinen Onsen, aber Duschen. Ohne Zweifel kommen wir heute nicht darum herum, einen Yukata zum Abendessen zu tragen. Der Yukata ist ein leichter, baumwollener Kimono, der nach dem Onsen, oder hier der Dusche, getragen wird, aber auch als Schlafanzug dienen könnte. Schon beim früh-nachmittäglichen Eintreffen haben wir einen auswählen können, sie werden überall, auch in Hotels, gratis zur Verfügung gestellt.

Unsere Übernachtung
Unsere Übernachtung

In der Tat: zum Nachtessen, das nicht beginnt, bevor wir sieben, zwei Paare aus Neuseeland, ein Schweizer und wir am Tisch sitzen, tragen alle ihren Yukata. Neuseeland auf der einen Längsseite, Europa auf der gegenüberliegenden. Bald ist klar, unsere Seite hört zu, während die andere spricht. Das geht so weit, dass der japanischen Gastgeberin erklärt wird, wie Tee geerntet und verarbeitet wird. Sie lächelt. Die Höflichkeit unseres Host-Paares wird dem Ruf der japanischen Korrektheit mehr als gerecht.

Bevor wir uns zum Schlafen zurückziehen, wird uns vorgegeben, wann Frühstückszeit ist: 6Uhr20 … nicht verhandelbar. Morgen ist die lange Königsetappe des Kumano Kodo, da gilt es, früh loszuziehen, wird uns erklärt. Ob zu Fuß für die lange Strecke oder für jene, die den Bus für eine Teilstrecke nehmen, alle 6Uhr20 ….

Gute Nacht!

 

*siehe Reiseblog 1

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